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Dienstag, 31. Juli 2012

Veraltet und falsch: Mal wieder zum Thema Tollwut


In einem Tierhalter-Forum wurde kürzlich erörtert, ob man Pferde heutzutage noch gegen Tollwut impfen müsse. Praktisch alle Mitdiskutierer berichteten, dass sie, dem Rat ihrer Tierärzte folgend, nicht mehr gegen T impfen lassen, weil kein Risiko mehr bestehe.

Eine Tierhalterin war jedoch anderer Meinung und postete als Beleg einen Tollwut-Text, den sie auf einer TA-Website gefunden hatte. Dass er von 2004 und damit längst veraltet war, war ihr offenbar entgangen. 

Der zitierte Text war aber auch schon 2004 fehlerhaft.  

U. a. heißt es darin, es gebe "keine regelmäßigen Untersuchungen" von Füchsen (= Hauptträger der Wildtiertollwut).

Unfug. 2004 (sowie davor und danach) wurden Zigtausende Füchse auf Tollwut untersucht.

Die Tollwutverordnung schrieb (und schreibt immer noch) vor, dass verendet aufgefundene oder auffällige Füchse usw. auf Tollwut zu untersuchen sind. 

Insgesamt wurden 2004 in Deutschland 24.966 Wildtiere auf Tollwut untersucht (plus 1050 Haustiere sowie 105 Fledermäuse). Tollwutfälle gab es in jenem Jahr insgesamt 49: 33 Fälle bei Wildtieren, 14 Fälle bei Fledermäusen, 1 Fall bei einem Haustier.

Im Jahr davor wurden in Deutschland 37 Tollwutfälle gezählt: 24 Fälle bei Wildtieren und 13 Fälle bei Fledermäusen. Auf Tollwut untersucht wurden 2003 insgesamt 26.503 Tiere.

Weiter wird in dem veralteten Text behauptet, es gebe mehr Füchse denn je, dadurch könne sich das Tollwutvirus aus "Tollwutgegenden", etwa aus Frankreich, Ostdeutschland und Osteuropa, schnell nach Deutschland verbreiten.

Okay, in Teilen Osteuropas (Rumänien, Weißrussland usw.) gab es 2003/2004 und gibt es heute noch viel Tollwut.

Aber: Frankreich eine "Tollwutgegend"? Frankreich hatte 2003 ganze 2 Fälle von Fledermaustollwut und 2004 ganze 3 Tollwutfälle bei Haustieren, alle drei waren importiert.

Ostdeutschland eine "Tollwutgegend"? Ganz und gar nicht: 2003 und 2004 traten alle Tollwutfälle bei Füchsen in Westdeutschland auf.

In Ostdeutschland wurden nur einige Fälle von Fledermaustollwut festgestellt (in Berlin und Sachsen-Anhalt).

Die letzten Herde für Wildtiertollwut waren, tja, nicht im gefährlichen Osten, sondern in Hessen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Weshalb Deutschland von der EU einen Rüffel erhielt und die Köderimpfaktionen für Füchse verbesserte. Der letzte Fall von Fuchstollwut war 2006 in Rheinland-Pfalz, und seither ist erfreulicherweise keiner mehr aufgetreten.
***
Das alles wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn es nicht immer noch Tierärzte gäbe, die Tierhaltern bezüglich Tollwut was vom Pferd erzählen.

Siehe auch:
http://haustiereimpfenmitverstand.blogspot.de/2012/05/tollwutsituation-in-deutschland.html

Donnerstag, 26. Juli 2012

Mal was anderes: Schafe


Schafe auf einer Weide in der Nähe von Dieburg.

Wie von Michael Sowa gemalt, tatsächlich aber geknipst.


PS: Alle Fotos und Texte dieses Blogs sind urheberrechtlich geschützt.

Freitag, 13. Juli 2012

Das "schon" und das "sogar" des Jahres

Der Impfstoffhersteller Intervet schreibt in einer Werbeanzeige:

"Wir alle gewinnen - die moderne Impf-Philosophie setzt sich durch"

Und weiter:

"Verlängerte Impfintervalle bei Staupe, Hepatitis und Parvovirose werden schon von rund einem Drittel der Tierarztpraxen umgesetzt"

Hervorh. MP

"(...) bei Tollwut sind es sogar fast zwei Drittel."

Hervorh. MP

Die Angaben beruhen laut Intervet auf der "Befragung bei 432 Tierärzten" in den Jahren 2009 bis 2011.

Eine bestürzend schlechte Bilanz.

Seit 2006 werden auch in Deutschland (endlich) verlängerte Impfintervalle für SHP empfohlen, und zwei Drittel der Tierärzte ignorieren das immer noch.

Seit 2006 stehen auch in Deutschland (endlich) Tollwutimpfstoffe mit Mehrjahreszulassung zur Verfügung, Deutschland ist seit 2008 tollwutfrei*, und mehr als einem Drittel der Tierärzte ist das schnurz, sie impfen gegen Tollwut jährlich.

Intervet muss man immerhin zugute halten, dass dieser Hersteller ein SHP-Produkt mit Dreijahresangabe im Beipackzettel bietet. Und dass er ausschließlich Dreijahrestollwutimpfstoffe im Sortiment hat, im Unterschied zu anderen Herstellern, die immer noch Produkte mit nur ein oder zwei Jahren Zulassung verkaufen.

Es werden sogar Kombis mit SHP usw. plus Tollwut neu auf den Markt gebracht, bei denen die Tollwutkomponente nur für ein Jahr zugelassen ist.

Und es gibt nach wie vor so unsinnige Kombis für Katzen wie Seuche-Schnupfen-Tollwut, bei denen für die Seuche-Schnupfen-Komponente ein Nachimpfintervall von einem Jahr und für die Tollwut-Komponente ein Nachimpfintervall von vier Jahren angegeben ist. Was werden wohl Tierärzte tun, die diese Kombi verwenden? Werden sie die Katzenhalter darauf aufmerksam machen, dass die Tollwutimpfung für vier Jahre gilt? Solche Kombis sind außerdem deshalb unsinnig, weil man laut Empfehlung der US-Impfsarkom-Task Force gegen Tollwut und Seuche-Schnupfen an getrennten Stellen impfen sollte.

* Der letzte Tollwutfall war im Frühjahr 2006.

Donnerstag, 12. Juli 2012

Nachtrag zu "Ein perfektes Geschäftsmodell"

Nicht mehr neu, aber immer noch aktuell: ein "Spiegel"-Bericht über Industriefutter (s. vor allem Seite 2):

http://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=72370236&aref=image043/2010/07/24/CO-SP-2010-030-0066-0067.PDF&thumb=false

Was Trofu-Fütterung an den Harnwegen von Katzen anrichten kann, kann man sich hier ansehen:

http://catinfo.org/

Startseite bis knapp zur Mitte runterscrollen - dann kommen deutliche Fotos von der Behandlung eines trofu-gefütterten Katers, dem fast die Harnblase geplatzt wäre. 

PS: "We are still searching for a diet that is safe and consistently effective in minimizing calcium oxalate uroliths", schreiben US-Hochschulveterinäre auf einer News-Website ("Wir suchen immer noch nach einem Futter, das Kalziumoxalat-Harnsteine sicher und beständig minimiert"). Also, ich wüsste eins. Aus bedruckten Tüten kommt es nicht.

Samstag, 7. Juli 2012

Reisen mit Haustieren

Wer mit Hund (oder Katze) ins Ausland reisen will, tut gut daran, sich über Einreisebestimmungen frühzeitig zu informieren.

Info findet sich reichlich im Web, man sollte aber immer darauf achten, wie vertrauenswürdig die Quelle ist und ob die Angaben aktuell sind

Einreisestimmungen für EU-Länder und für Länder des Europäischen Wirtschaftsraums ändern sich gelegentlich, zuletzt war das am 1. Januar dieses Jahres der Fall. Viele Einreise-Ratgebertextchen aber sind veraltet, und manche sind einfach nur zusammengeschustert und falsch.

Nicht sehr vertrauenswürdig ist zum Beispiel das, was im Blog eines Hundezubehör-Handels über Reisen u. a. nach Skandinavien zu lesen steht (mit Datum 6. Juli 2012; der Autor wird als Dr. med. vet. bezeichnet):

"Alle Länder fordern eine Impfung gegen Tollwut, die skandinavischen Länder gehen da sogar einen Schritt weiter. Impfungen gegen Leptospirose und Staupe sind hier für die Einfuhr ins Ferienland verpflichtend."

Das stimmt nicht, soweit es um Lepto und Staupe geht. Diese Impfungen werden zwar empfohlen, sind aber keine Pflicht.

Die obligate Behandlung der Hunde gegen Fuchsbandwurm als Voraussetzung für die Einreise in einige Länder wird dagegen gar nicht erwähnt.

Weiter heißt es in dem Blogtext: 

"Informieren Sie sich frühzeitig bei Ihrem Tierarzt über den nötigen Impfschutz (...)"

Das ist per se nicht verkehrt, aber ist es auch zielführend? Einer Studie zufolge sind Tierarztpraxen nicht gerade die zuverlässigste Quelle

Norwegische Veterinäre untersuchten, wie korrekt die Information ist, die Tierarztpraxen zu Einreisebestimmungen für Norwegen auf Anfrage gaben, entweder selbst oder indem sie den Anrufer auf Websites verwiesen. Ergebnis: Weniger als zehn Prozent der Praxen informierten zutreffend über die Vorschriften zur Tollwutimpfung und zur Fuchsbandwurmbehandlung.

Befragt wurden je zehn Praxen in neun europäischen Ländern. In Belgien, Frankreich und Deutschland war die Info am wenigsten zuverlässig. Die Stichprobe sei zwar klein, zeige aber den Kenntnisstand der Tierarztpraxen in Europa, meinen die Autoren. Oftmals waren auch die Angaben auf den von Tierarztpraxen genannten Websites falsch.

Lustiges Detail: In einem Land verwiesen acht von zehn Praxen auf eine Website, die wiederum auf eine Telefonnummer verwies. Rief man dort an, wurde man an eine andere Telefonnummer verwiesen, dort wiederum wurde auf eine zweite Website verwiesen, von der aus die Ratsuchenden auf eine dritte Website verwiesen wurden. Die war dann wenigstens vertrauenswürdig, es war nämlich die englische Version der Info-Seiten der zuständigen norwegischen Behörde.

Norwegen ist fuchsbandwurmfrei und will verhindern, dass einreisende Hunde den Parasiten einschleppen. Eine Stichprobe mit 105 Hunden im Jahr 2011 ergab, dass die Einreisebestimmungen bei 18 Prozent von ihnen nicht eingehalten worden waren - also bei fast jedem fünften Hund. Weil sowieso wenig kontrolliert wird (Norwegen gehört nicht der EU an, ist aber auch ein Schengen-Land), ist die korrekte Information der mit Hund reisenden Touristen laut Studienautoren besonders wichtig.

Ihr Vorschlag: Es sollte eine zentrale europaweite Website eingerichtet werden, die von einer Regulierungsbehörde mit Information bestückt wird und für alle europäischen Herkunftsländer die Haustier-Einreisebestimmungen korrekt, aktuell und verständlich erläutert. Darauf könnten dann die Tierarztpraxen ihre Klienten verweisen.

Eine wirklich gute Idee.

Man sollte nicht verlangen, dass Tierärzte und deren Angestellte über alle möglichen Einreisevorschriften für Haustiere aktuell und umfassend Bescheid wissen. Diese Info sollten vielmehr die zuständigen EU- oder EWR-Behörden bereitstellen, schließlich werden diese Leute mit unseren Steuern - fürstlich - bezahlt.

PS: Hier noch ein Beispiel für eine vertrauenswürdige Quelle:
http://www.norwegen.no/News_and_events/oft_gefragt/zoll/einfuhrbestimmungen/pets/
Warum ist sie vertrauenswürdig?
1. Es ist eine staatliche Website.
2. Es ist das Datum der letzten Aktualisierung angegeben, dh man sieht, dass die Info aktuell ist.

 

Mittwoch, 4. Juli 2012

Tollwutschutz: Ein Gesetz gegen zu häufiges Nachimpfen

Leider nicht bei uns, sondern im US-Bundesstaat Delaware.

Das kürzlich verabschiedete Gesetz verpflichtet die Tierärzte dazu, sich bei der Geltungsdauer einer Tollwutimpfung an die amtliche Zulassung und den Beipackzettel des Impfstoffs zu halten. Sie dürfen nicht mehr nach Lust und Laune nur ein oder zwei Jahre Gültigkeitsdauer eintragen, wenn sie ein Produkt mit Dreijahreszulassung verwenden.

Es handelt sich also um ein Gesetz gegen tierärztliche Willkür und Selbstherrlichkeit.

http://legis.delaware.gov/LIS/lis146.nsf/vwLegislation/SB+236/$file/legis.html?open

Angestoßen wurde die Gesetzesinitiative durch eine Tierhalterin, deren fünf Jahre alte Beagle-Hündin binnen einer Woche nach einer Kombi-Impfung einschließlich Tollwut gestorben war. Hinterher stellte sich heraus, dass der Tierarzt in den letzten zwei Jahren jeweils einen Dreijahresimpfstoff verabreicht, aber nur ein Jahr Geltungsdauer bescheinigt hatte. Eine Senatorin nahm sich des Problems an. Sie hatte selbst einen Hund durch eine Autoimmunerkrankung verloren (Thrombozytopenie) und glaubt, dass das eine Impfnebenwirkung war. Ursprünglich sollte das Gesetz auch andere Impfungen umfassen, dies wurde jedoch fallen gelassen, weil nur die Tollwutimpfung gesetzlich gefordert wird.

Selbstverständlich lehnte die Tierärzteschaft das Gesetzesvorhaben empört ab, setzte sich aber nicht durch.

Sonntag, 1. Juli 2012

OT: Urteil gegen das deutsche Jagdrecht


Vergangenen Dienstag hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte eine sehr erfreuliche Entscheidung gegen das deutsche Jagdrecht verkündet: Grundeigentümer dürfen demnach nicht mehr per Gesetz dazu gezwungen werden, auf ihrem Land Jagd zuzulassen.

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/europaeischer-gerichtshof-fuer-menschenrechte-schraenkt-jagdrecht-ein-a-841103.html

http://www.agtiere.blogspot.de/2012/06/zwangsbejagung-verstot-gegen.html

http://www.pro-iure-animalis.de/index.php?option=com_content&task=view&id=1087&Itemid=108


Im neuen "Spiegel" (27/2012) gibt es dazu ein schönes Interview mit Josef Reichholf. Der Zoologe nennt das deutsche Revierjagdsystem ein Relikt aus der Feudalzeit und bestreitet auch, dass der heutige Jagdbetrieb notwendig sei. Wildschäden (Verbiss an Bäumen) gehen seiner Ansicht eher zurück, wenn weniger gejagt wird - weil das Rotwild sich wieder aus dem Wald heraustraut. Einige Arten würden gepäppelt, das Raubwild werde viel zu stark dezimiert. Hasen, Rebhühner oder Wachtelkönige könnten von den neuen Ruhezonen profitieren, das Wild werde in den jagdfreien Arealen weniger scheu - ein Gewinn für alle Menschen, die gern Wildtiere beobachten.