Dieses Blog durchsuchen

Samstag, 22. November 2014

Impfsarkome, Wissenschaft und Pharmamarketing



Die folgende Geschichte wird länglich. Aber wir müssen darüber schreiben, weil es wahrscheinlich sonst niemand tut. 

***


Worum geht's? Es geht, im Kern, um Impfsarkome bei Katzen. 

Es ist schon lange bekannt, dass Impfstoffe mit Adjuvantien (Wirkverstärkern) die meisten Impfsarkome verursachen. Grund ist, dass sie eine besonders starke und dauerhafte Entzündung an der Impfstelle verursachen. Daraus kann tödlicher Krebs entstehen. 

Das betrifft fast ausschließlich die Impfstoffe gegen FeLV ("Leukose") und Tollwut. Seuche-Schnupfen-Impfstoffe sind mit einer Ausnahme alle adjuvansfrei. 

Auch gegen FeLV und Tollwut gibt es seit Jahren adjuvansfreie Impfstoffe. 

Es spricht sehr für eine Tierarztpraxis, wenn für Katzen nur solche Produkte verwendet werden. 

Hochschulveterinäre empfehlen das seit langem. 

Und immer mehr Katzenhalter/innen achten darauf, dass ihre Tiere nur adjuvansfreie Produkte erhalten. 

Wirkverstärker werden zunehmend zum Wettbewerbsnachteil.  

Dagegen muss man etwas unternehmen. 


***


Im Mai dieses Jahres erschien in der Fachzeitschrift "Vaccine" eine Vergleichsstudie zu Purevax FeLV - adjuvansfrei - und Versifel FeLV - adjuvanshaltig (Kristin Stuke et al 2014).

Die Autoren sind allesamt bei Zoetis (Pfizer) tätig, dem Hersteller von Versifel.

Und so lief die Studie ab: Versuchskätzchen wurden in drei Gruppen eingeteilt. Die eine Gruppe wurde zweimal mit Versifel geimpft, die andere mit Purevax, die dritte erhielt Kochsalzlösung (ungeimpfte Kontrollgruppe). 

Drei Wochen nach der zweiten Impfung wurden alle drei Gruppen einer Belastungsinfektion mit scharfem FeL-Virus unterzogen. Per Injektion in die Bauchhöhle. Wenigstens waren die Tierchen dabei sediert.

Im Abstract der Studie (= kostenlos zugängliche Zusammenfassung) heißt es, dass Versifel FeLV besser gegen die Infektion geschützt habe als Purevax FeLV. 

Und zwar sehr viel besser: rund 90 Prozent Schutz gegen nur 20 Prozent Schutz. 

Ein Hammer, oder?

***


Die Wahrheit ist: Diese Studie stinkt zum Himmel. 

Aus diesem Grund haben wir hier noch nicht darüber berichtet. 

Wenn man sie im Volltext liest, will man seinen Augen nicht trauen: Die Tierchen wurden, wie sich am Ende herausstellte, unabsichtlich mit Katzenseuche infiziert

Laut den Autoren stammt das Seuchevirus aus dem FeLV-haltigen "Inokulum", das den Kätzchen durch die Bauchdecke gespritzt wurde. Es soll also das Challenge-Material mit Seuche verunreinigt gewesen sein.


***


Im Abstract steht davon kein Wort.  

Es würde sich halt nicht gut machen, wenn schon dort klar wird, dass die Studie einen massiven Mangel aufweist.

Das mit der Seuche macht aber nix, finden die Zoetis-Autoren. Die Verunreinigung habe ja alle drei Kätzchen-Gruppen betroffen, insofern bleibe die Vergleichsstudie trotzdem gültig. 

Und das alles wurde von "Vaccine" online gestellt und gedruckt. 


***

Erfreulicherweise hat die Sache jetzt ein Nachspiel. 

Drei Virusforscher aus der Schweiz, den USA und Großbritannien haben die Studie scharf angegriffen (Hofmann-Lehmann, Levy, Willett: Letter to the Editor, Vaccine, online 15. November 2014). 

Wenn die Tiere mit Seuchevirus infiziert worden seien, würden die Ergebnisse fragwürdig, und der Titel der Studie werde irreführend, so ihre Kritik. 

Parvoviren wie der Katzenseuche-Erreger seien hochgradig immunsuppressiv (schwächen die Abwehr), und eine Produktstudie könne unter solchen Umständen nicht als valide (wissenschaftlich aussagekräftig) betrachtet werden.  

Die Kritiker werfen zudem die Frage auf, ob das Parvovirus wirklich aus dem Challenge-Material stammte. Es kämen auch andere Quellen in Betracht (verseuchte Käfige, verseuchtes Spielzeug, Tierpfleger als Seuchevirusüberträger von einer Gruppe zur anderen, usw.). 

Weitere Kritikpunkte: keine Angaben über die genetische Verwandtschaft des Challenge-Virus zu den Impfviren beider Produkte; die Versuchskätzchen wurden, ohne Erläuterung, prophylaktisch gegen Kokzidose behandelt; männliche Kätzchen wurden zur Halbzeit des Experiments kastriert, erlitten also physischen Stress, der das Immunsystem beeinflusst; keine Angaben darüber, wie die kastrierten Katerchen auf die drei Gruppen verteilt waren.  

Lustig wird's bei den formalen Schlampereien in der Studie: Da werden laut den Kritikern für bestimmte Methoden zum Aufspüren von Virus im Knochenmark zwei alte Quellen angegeben, in denen darüber noch gar nichts stehen konnte. Virus-PCR-Ergebnisse aus dem Knochenmark seien zudem keine etablierten Parameter für latente FeLV-Infektion. Und FeLV werde in der Studie zu den Lentiviren gezählt, es gehöre aber zu den Retroviridae.

***


Solche Fehler, schreiben die Kritiker, würden sie in einem Journal wie "Vaccine" nicht erwarten.  

Na ja. 

"Vaccine" hat sicherlich in der Mainstream-Impfforschung einen guten Ruf. Aber Impfstoffe für Haustiere sind nicht gerade sein thematischer Schwerpunkt.  

Es ist merkwürdig, dass das Journal diese Produktstudie überhaupt publiziert hat.


***


Wie gelangt eine Studie in ein Journal? 

Forscher schreiben ihre Daten zusammen, reichen das Paper beim Journal ein, und ein Redakteur entscheidet, ob es thematisch passt und den eigenen Ansprüchen genügt. 

Wenn ja, wird es an (für die Studienautoren anonyme) Gutachter verschickt, die sich auf dem Gebiet auskennen (Peer Review). Die Peers prüfen die Methodik, die Ergebnisse und deren wissenschaftliche Einordnung, und zwar gründlich, gewissenhaft und streng. 

Das ist die Theorie. 

In der Praxis bleiben methodische Fouls und schöngerechnete Resultate häufig unbeanstandet, Schlampereien sowieso. 

Nur wenn es arg kommt und die Daten einfach erfunden waren, wird ein publiziertes Paper auch mal zurückgezogen. 

Im wirklichen Leben wirken bei der Entscheidung, was in ein renommiertes Journal gelangt, ziemlich wissenschaftsferne Motive mit. Erst recht und vor allem bei Pharmastudien

Die führenden Wissenschaftsverlage, ohnehin extrem profitabel, verdienen sich gern noch etwas dazu mit Sonderdrucken. Die verteilen die Arzneihersteller dann bei den Ärzten. 

Vorteilhaft für beide Seiten. 

Nur nicht für die Patienten, ob Mensch oder Tier. 


***

Und für so einen Dreck mussten Kätzchen sterben


©haustiereimpfenmitverstand.blogspot.de/


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen