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Sonntag, 23. April 2017

Tollwut-Impftiter oder: Alternative Fakten



Im US-Bundesstaat Connecticut setzen sich ein paar Abgeordnete dafür ein, dass Veterinäre Titertests statt dreijährlicher Tollwutnachimpfung machen können.  

Außerdem soll ihnen erlaubt werden, eine verminderte Impfdosis zu verabreichen, mit obligatorischer Titerkontrolle 14 Tage danach.*

Die Geschichte hat einen langen Vorlauf, in dem es um den Tierarzt Dr. John Robb geht. 

Er war Inhaber einer Praxis im Banfield/Mars-Konzern. Laut Robb wollte Banfield die Praxis ganz übernehmen, bot ihm dafür einen viel zu niedrigen Preis und schwärzte ihn bei der Tierärztekammer an, als er ablehnte. Robb hatte Hunden illegalerweise halbe Impfdosen verabreicht, weil er der Meinung ist, dass die volle Dosis zu viel ist für kleine Rassen. Er wurde vor die Tierärztekammer zitiert und gemaßregelt. 

Am Ende hat der Fall Robb immerhin bewirkt, dass das Thema Tollwut-Impfpflicht und Impfnebenwirkungen in Connecticut auf der politischen Agenda steht.  

Ein Gesetzentwurf zu Titerkontrolle statt Nachimpfung und Dosisverminderung plus Titerkontrolle wurde im Januar dieses Jahres vorgelegt. Im Februar fand ein öffentliches Hearing dazu statt. 

Und dieses Hearing ist ein Paradebeispiel dafür, wie in der Veterinärmedizin die Aussagekraft von Impftitern mal so und mal ganz anders gedreht wird - je nachdem, welcher Zweck verfolgt wird.  


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Gegen den Gesetzesvorschlag gaben u. a. die Tierärztekammer von Connecticut (Veterinary Medical Board), der US-Tierarztverband AVMA und Professor Richard Ford Statements ab. 

Als Befürworter reichten etliche betroffene Tierhalterinnen Stellungnahmen ein. 

Robb selbst und sein Anwalt plädierten für den Gesetzentwurf und wurden dabei von Professor Ron Schultz unterstützt, DEM Experten für Haustierimpfungen. 


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Kernargument der Gegner war,

dass Tollwut-Impftiter nicht mit Immunität korreliert seien

So zum Beispiel Professor Richard Ford in seinem Statement:

"A rabies antibody titer has NOT been correlated with 'protective immunity' in dogs and cats."


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Wie bitte?



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Professor Michel Aubert, früher Tollwutexperte bei der Welttiergesundheitsorganisation OIE, würde sich darüber bestimmt sehr wundern

In seiner Übersichtsarbeit "Practical significance of rabies antibodies in cats and dogs" (OIE Scientific and Technical Review, 1992) schrieb er klar und deutlich:

"Doubt has sometimes been cast upon the protective effects of rabies antibodies in serum (...) Cellular immunity is also largely involved in protection. Nevertheless, a large number of laboratory experiments and field observations clearly demonstrate that cats and dogs which develop antibodies after vaccination and before challenge have a very high probability of surviving any challenge, no matter how strong the dose and which virus strain was used."

Es wurde in vielen Laborexperimenten und durch Beobachtungen im Feld gezeigt, dass Katzen und Hunde, die nach Impfung Antikörper entwickeln, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit jede Belastungsinfektion überleben. Egal wie hoch die Erregerdosis war und egal welcher Virusstamm verwendet wurde. 

Auf Basis dieser Arbeit von Aubert wurde der international gültige Tollwut-Mindestimpftiter festgelegt, nämlich 0,5 IE (oder IU/ml).

"The security of the protection constituted by this threshold" - gemeint war der noch zu bestimmende Mindesttiter - "would be increased by the extent to which it excedes the level recognised as effective against experimental challenge in cats and dogs (0.1 IU/ml and 0.2 IU/ml, respectively, measured by RFFIT)."

Der (mittlerweile seit langem gültige) internationale Mindestwert von 0,5 IE enthält eine beträchtliche Sicherheitsmarge, denn Katzen sind schon mit 0,1 IE nachweislich geschützt und Hunde mit 0,2 IE. 


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Halten wir fest: Es ist wissenschaftlich bestens belegt, dass Haustiere mit Impfantikörpern gegen eine Tollwutinfektion geschützt sind. Die Evidenz ist so gut, dass in vielen Ländern auf die früher übliche lange Quarantäne verzichtet wurde. 

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Und wie ist das beim Tollwutimpfschutz für Menschen?

Das erläuterte Professor Schultz in seinem Statement für das Hearing:

"As outlined by the Centers for Disease Control (CDC), to determine if vaccinated humans at high risk of rabies exposure are actually protected, antibody titer testing is performed every two years. If a certain level of antibody is detected, the person is considered protected against rabies and is not revaccinated. Anecdotal evidence of vaccinated humans maintaining protective antibody against rabies virus for decades after initial vaccine series is common." (Hervorh. MP)

Bei Personen mit hohem Risiko (beispielsweise Labormitarbeiter) wird der Titer regelmäßig kontrolliert. Es wird NICHT nachgeimpft, wenn der Mindesttiter vorhanden ist.

Der beträgt übrigens ebenfalls 0,5 IE, wie man auf der Website des Robert-Koch-Instituts nachlesen kann. Auch in Deutschland werden Hochrisikopersonen nur dann nachgeimpft, wenn ihr Titer unter 0,5 IE gefallen ist.

Und: Es gibt viele Beispiele dafür, dass geimpfte Personen diesen Mindesttiter noch Jahrzehnte nach der Grundimmunisierung aufweisen.**


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Beim Menschen verlässt man sich auf Titerkontrollen, und zwar mit bestem Erfolg.  

Bei Katzen und Hunden aber sollen Titerkontrollen nichts aussagen?

Dass das Blödsinn ist, wissen natürlich auch die Herrschaften, die aus lauter Sorge um die öffentliche Gesundheit gegen den Gesetzentwurf aufgetreten sind. 

Falls nicht, sollten sie die Studie von Michael C. Moore et al. aufmerksam lesen. Aus ihr resultieren sogar praktische Empfehlungen der Tierärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst der USA, und zwar für den Umgang mit exponierten Katzen und Hunde, deren Tollwutimpfung abgelaufen ist.  


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Für manche Veterinärmediziner gibt es offenbar zweierlei Immunbiologie: eine für Säugetiere mit aufrechtem Gang und eine für Vierfüßer. 

Sollte man dann nicht endlich aufhören mit Tierversuchen?


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Wahrscheinlich wird der Gesetzentwurf in Connecticut scheitern. Die Gegner verfügen über viel Einfluss, die Tierhalter/innen haben keine starke Lobby.  


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Interessant ist die Debatte deshalb, weil sie exemplarisch zeigt, was für einen Eiertanz die Veterinärmedizin mit Impftitern aufführt. 

Wenn Messungen zu WENIGER (oder gar keinen) Nachimpfungen führen könnten, sind Titer auf einmal wertlos

Aber von entscheidender Bedeutung sind sie, wenn es darum geht, unnütze Nachimpfungen zu verkaufen


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Man sieht: Für alternative facts braucht man keinen Trump. 




*Ob der zweite Teil des Vorschlags, die Dosishalbierung, sinnvoll ist, kann man bezweifeln. Nicht zu Unrecht hat die Vertreterin des US-Tierarztverbands AVMA darauf hingewiesen, dass Tiere, die auf Bestandteile von Tollwutimpfstoffen allergisch reagieren, durch eine verminderte Dosis nicht gefeit wären: Allergische Reaktionen können auch durch winzigste Mengen des Allergens ausgelöst werden. Dazu kommt, dass Haustiere in Connecticut schon jetzt aus medizinischen Gründen von der Nachimpfung befreit werden können.

**Die Ergebnisse der US-Langzeitstudie (finanziert durch den Rabies Challenge Fund) sollen bald veröffentlicht werden. Laut Ron Schultz haben sie gezeigt, dass Hunde mit messbarem Titer bis zu neun Jahre nach einer einzigen Impfung gegen eine Belastungsinfektion mit scharfem Tollwutvirus geschützt sind.



©haustiereimpfenmitverstand.blogspot.de/


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