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Montag, 17. Juli 2017

Buchempfehlung: Gerd Reuther, "Der betrogene Patient"



An medizinkritischen Büchern herrscht in Deutschland kein Mangel. Dr. Gerd Reuther, Radiologe im Ruhestand, weiß das auch, trotzdem hat er mit "Der betrogene Patient" nun noch eines vorgelegt. Es ist umfassender als andere Titel auf diesem Gebiet, faktensatt und meinungsstark. 

Und dabei oft auch unterhaltsam. So verreißt Reuther fünf Umsatzbringer von Bayer und resümiert: "Schlechter kann es mit dem Therapieangebot auf dem Wagen eines fahrenden Quacksalbers nicht ausgesehen haben." Oder: Wenn es nach ihm ginge, müssten viele Medizinprofessoren Firmenlogos auf ihren Kitteln tragen, damit die Korruption sichtbar wird.  








Der Autor lässt nichts aus, was im Gesundheitssystem falsch läuft: sinnlose Vorsorge, Überdiagnostik und Übertherapie, die Machenschaften der Pharma- und Medizintechnikindustrie und ihrer Mietmäuler, die Pathologisierung großer Bevölkerungsteile durch willkürlich gesetzte Normwerte, die Psychiatrisierung des Lebens, die schädliche Langzeiteinnahme von Medikamenten, die Operationswut in den profitgetriebenen Krankenhäusern, den Genetik-Hype. Er traut sich sogar, Impfkampagnen zu kritisieren.  

Etliches davon ist nicht neu und kann es natürlich auch nicht sein. Aber so weit ausholend und detailliert hat es noch kein deutschsprachiger Autor beschrieben. Insofern ist dieses Buch auch eine beeindruckende Fleißarbeit (allerdings leider ohne Stichwortregister). 

Sehr viele Leserinnen und Leser werden feststellen, dass sie oder ihre Angehörigen Opfer dieses Apparats waren oder sind: sei es, weil man ihnen die Rachenmandeln rausgerissen hat, sei es, weil sie auf Dauer Medikamente einnehmen, die immer weniger wirken, sei es, weil sie am "Sargnagel" Rollator gehen (was Reuther zufolge ihren Gleichgewichtssinn verkümmern lässt, ihre Atemmechanik verschlechtert und sie einem erhöhten Risiko für Stürze nach vorn aussetzt).

Zwei Kardinalsünden hebt der Autor - neben der Profitgier der Akteure - immer wieder hervor: 

- dass der Betrieb die fatalen Folgen seiner Hyperaktivität ignoriert (Todesursache Behandlung) und 

- dass Mediziner heutzutage überhaupt nicht mehr nach Krankheitsursachen suchen.

Das führt uns zu dem Kapitel, durch das sich Reuthers Buch eminent von ähnlichen Generalabrechnungen unterscheidet: die "schädlichen Auswirkungen, die Umweltgifte, Medikamente oder industriell veränderte Lebensmittel auf uns Menschen haben". Sie stünden nicht im Fokus der Medizin. Dabei seien chronische Vergiftungen die häufigsten Todesursachen überhaupt, "wenn man Medikamente, Sucht- und Umweltgifte zusammenrechnet". Die Deutsche Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin scheine sich "bei industriellen und agrarischen Vergiftungen von Luft, Wasser und Nahrung eine Art Schweigegelübde auferlegt zu haben" (S. 120). Dazu passt, dass sie sich laut Reuther zum 50. Jubiläum eine Laudatio ausgerechnet von einem BASF-Mitarbeiter schreiben ließ.  

Die Ärzteschaft schweige, wenn Grenzwerte für toxische Substanzen angehoben würden, wie etwa 2014, als bei Lebensmitteln die zulässigen Höchstwerte für 1832 Toxine erhöht worden seien. Wenn Grenzwerte beispielsweise für Nitrate im Wasser flächendeckend überschritten werden, "dann verhallt die Meldung geräuschlos im Verschweigungs- und Vertuschungskartell der Verantwortlichen".

Jeder halbwegs informierte Zeitgenosse dürfte mitgekriegt haben, dass Insekten und Vögel in nie gekanntem Tempo verschwinden, und zwar direkt oder indirekt wegen der Pestizide. Dass Gifte wie Glyphosat und seine Beistoffe auch uns Menschen schädigen, wird auf weiter Flur geleugnet. "Während Morbus Parkinson in Frankreich als Berufskrankheit von Landwirten anerkannt ist, die Pestiziden ausgesetzt waren, gilt dieser in Deutschland grundsätzlich nicht als umweltbedingte Erkrankung" (S. 123). 

Bei den Luftschadstoffen vollzieht sich dasselbe üble Spiel: "Seltenen Erkrankungen wie der Lyme-Karditis (Herzmuskelentzündung durch Borrelien nach Zeckenbiss) widmet die Ärzteschaft größere Aufmerksamkeit als den in den letzten Jahren zunehmenden ultrakleinen Feinstäuben." Die Autoindustrie als geldschwere Lobby sei den Medizinern genauso unantastbar wie die Pharmaindustrie. Luftverschmutzung werde als "Risikofaktor" verharmlost, anstatt auf ihre Verminderung zu dringen. Allergien seien Diagnosen einer Medizin, die Symptome zu Krankheitsbildern mache und die Unterdrückung des Immunsystems als ernsthafte Behandlungsoption ansehe. 

En passant watscht Reuther sodann die Komplizenschaft der Medizin mit der Lebensmittelindustrie ab. Tierzuchtbetriebe als Massenkrankenlager, schädliche Kunststoffverpackungen, lukrativer Vitaminzirkus, Fetthysterie, Kohlenhydratmast für Diabetiker, alles wird gewürdigt. Die einzige überzeitliche Ernährungsempfehlung könne nur lauten, dass man eine Mischung weitgehend naturbelassener, nicht industriell raffinierter Nahrungsmittel mit möglichst wenigen giftigen Beistoffen in angemessener Menge essen sollte. 

Man wird Reuther nicht in allem folgen wollen, etwa wenn er das Anspruchsdenken von Patienten anprangert ("Lieber eine schlechte Behandlung als gar keine"). Dabei wird die Bevölkerung doch von früh bis spät mit Medizinmarketing zugeschüttet, eine Disease-Awareness-Kampagne nach der anderen rollt durch die Medien. Aus Sicht des Medizinbetriebs ist der "Arztmuffel" wahrlich ein größeres Übel als der Dauergast im Wartezimmer.



Gerd Reuther, Der betrogene Patient. Riva Verlag, München 2017, 398 Seiten, 19,99 Euro



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